Mit den Augen strukturieren.
Von der Kunst, den Moment zu reportieren.

Wie Holger Senzels preisgekrönte Reportage aus dem zerstörten Sulawesi entstanden ist.

Es gibt Radiostücke, die kann ich zehnmal hören, hundertmal, vermutlich auch tausendmal, und sie begeistern mich immer wieder. Reißen mich mit. Fassen mich an. Machen mir Gänsehaut. Holger Senzels Reportage nach dem Tsunami auf Sulawesi ist so ein Stück.

Es gibt wenige Radioseminare, in denen ich es nicht als beispielhaft vorspiele. Und obwohl die Zeit in Seminaren bisweilen knapp ist, und das, was ich beispielhaft demonstrieren und belegen will, schon nach einer Minute klar wird, schaffe ich es nie, auf den Stopp-Knopf zu drücken. Ich will das Stück immer und immer wieder zu Ende hören. Es hat einen Sog, eine Kraft und eine Präzision, die unglaublich ist. 

 

Und jedes Mal sehe ich die Wirkung auch in den Gesichtern derer, die im Seminar vor mir sitzen. Das Stück hat einfach alles, was man sich von gutem Radio wünscht. Zu Recht wurde Holger Senzel 2019 dafür mit dem Deutschen Radiopreis ausgezeichnet.

Aber immer wieder kommen dieselben Fragen: Wie hat er das gemacht? Wie frei ist das wirklich erzählt? Wie viel Vorbereitung gab es, die wir beim Hören gar nicht bemerken? Also habe ich den NDR-Korrespondent Holger Senzel jetzt endlich selbst mal gefragt. Hier seine Antwort: 

Den Tod der klassischen Reportage habe ich selbst oft vorausgesagt. Ich habe sie verspottet als nicht mehr zeitgemäß, nachdem ich als junger Radiojournalist damit bis aufs Blut gequält wurde. „Schildern, schildern, schildern“ impften uns die alten Reporterhasen ein. Aber damals war es auch durchaus noch üblich, dass man als Reporter längere Zeit am Stück über ein Ereignis berichten musste.

Reportieren, auch wenn nichts passiert

Als die US-Geiseln 1981 aus dem Irak auf die Rhein-Main-Airbase kamen, schaltete der HR uns in jenem Augenblick live ins Nachtprogramm, als das Flugzeug auf der Rollbahn aufsetzte. Und dann musste ich schildern – über 30 Minuten lang. Ich erinnere mich an ein Hörspiel, dass der Reportage ein Denkmal setzte. Sechs Reporter standen an sechs Fenstern des Funkhauses und sollten berichten, was sie sahen (in meinem Fall die Wand des gegenüberliegenden Gebäudes). „Nichts passiert“ hieß am Ende das aus vielen tausend Schnitten produzierte fertige Hörspiel.

Arbeiten ohne O-Töne war lange normal

Für Korrespondenten waren O-Töne bis weit in die 90er nicht üblich. Als Reporter habe ich lange meine Beiträge aus Kriegen und Krisen über ein krächzendes Satellitentelefon übermittelt. 90 Kilo wog mein erstes. Zum Betrieb musste man eine Autobatterie finden. Nein, für mich waren das keine „guten alten Zeiten“. Ich bin froh, dass wir heute von jedem Ort der Erde Beiträge – mit Atmo und O-Tönen  – professionell abgemischt, in erstklassiger Qualität – überspielen können. Theoretisch jedenfalls.

Der umständliche Weg zur Reportage 

Als auf der indonesischen Insel Sulawesi 2018 Erdbeben und Tsunami tausende Opfer forderten, flog ich zunächst nach Macassar, um von dort irgendwie noch ins Katastrophengebiet nach Palu weiterzureisen – mit einer Militärmaschine, einem Hilfstransport, zur Not über die Straße. Linienflüge gab es nicht mehr.

Auf komplizierten Wegen zum Reportereinsatz auf Sulawesi. Im Gepäck: Müsli, Akkus, Laptop. (Foto: Holger Senzel)

 Einstweilen bediente ich die ARD vom Hotel in Macassar aus und war auch gar nicht mehr so erpicht darauf, ins Katastrophengebiet zu kommen. Im Hotel hatte ich optimale Arbeitsbedingungen – in Palu gab es weder Unterkünfte noch Nahrungsmittel – von stabilem Internet ganz zu schweigen. Und so zögerte ich, als sich nach einer Woche eine Reisemöglichkeit eröffnete.

Hinfahren oder berichten?

Die Frage in solchen Fällen lautet ja tatsächlich häufig: Hinfahren oder berichten? Denn längere Zeit unerreichbar zu sein, ist natürlich ein Problem, wenn ein sogenannter „Ereignisfall“ Angebote für die ARD verlangt. Da ich mir die Korrespondentenstelle für Südostasien mit meiner Frau teile, hätte sie allerdings die Regelberichterstattung von Singapur aus übernehmen können.

Müsli und Akkus

Und da stand ich dann in Palu auf dem Flughafen. Mit einem Rucksack voller Müsliriegel, Mineralwasser und Feuchttücher und einer Tasche voller Technik und Akkus. Ich wusste nicht, wie ich in die Stadt kommen, wo ich wohnen und vor allem wie ich berichten sollte. Das ist der Teil, den ich an diesen Einsätzen immer mochte: Dieses völlige auf sich allein gestellt sein, fern von der perfekten Infrastruktur eines Studios oder gar Funkhauses. Dieses Kribbeln, das Adrenalin und die Freude, wenn du es am Ende irgendwie hingekriegt hast.

Nicht genug Strom fürs Laptop

Immerhin gab es an verschiedenen Stellen ein Mobilfunknetz. Das ist inzwischen immer das erste, das wieder repariert wird, damit die Hilfsorganisationen kommunizieren können – meist noch vor der Trinkwasserversorgung.

Leben und Arbeiten unter schwierigen Bedingungen: Netz und Steckdose, aber kaum Strom. (Foto: Holger Senzel)

Ich würde also zumindest über diese phantastische Mupro-App auf meinem Smartphone berichten können. Beiträge zu produzieren allerdings war nicht möglich, weil die Stromversorgung nicht funktionierte und das Produktionslaptop meine drei Powerbanks innerhalb kürzester Zeit leer gesaugt hätte.

Nicht nachdenken, auf die Szene konzentrieren

In diesem Moment habe ich mich auf meine alten Zeiten beim HR besonnen – und geschildert. Soweit möglich habe ich mir Stichworte notiert – Ortsnamen, Zahlen, Fakten. Manchmal habe ich auch einfach losgelegt. Wenn ich beispielsweise zufällig auf eine Szene traf mit einer guten Hintergrund-Atmo, die ich mir nicht entgehen lassen wollte. Dann habe ich eingeschaltet und einfach angefangen, zu erzählen. Du solltest dabei nicht nachdenken, sondern dich auf die Szene vor dir konzentrieren – mit den Augen strukturieren. Es geht ja nicht darum, alle Fakten zu transportieren, sondern einen Eindruck zu vermitteln.

Alles anders als gewohnt

Trotzdem fühlte ich mich anfangs schon unbeholfen, hatte das Gefühl, meine Schilderung seien leblos gewesen, weil es halt inzwischen so komplett ungewohnt ist, einfach loszureden. 

„Wenn Du mit Deinem Mikrofon vor einer Schlammwüste stehst, die mal ein Dorf war und vor deinen Füßen liegen Kinderzeichnungen, die auch dein achtjähriger Sohn hätte malen können, dann sprichst Du anders.“ (Foto: Holger Senzel)

Aber ich habe mir diese Stücke auch nicht noch einmal angehört, bevor ich sie gesendet habe. Zum einen, weil ich die Gunst eines Mobilfunknetzes nicht vorüberziehen lassen durfte, vor allem aber, weil es mir vermutlich peinlich gewesen wäre und jene „Beiträge“ sicher nicht meinen üblichen professionellen Ansprüchen an Sprache und Gliederung genügt hätten.

Faszination fürs Ungeschliffene

Um so mehr haben mich die teilweise geradezu euphorischen Reaktionen auf diesen Notbehelf überrascht. Ich vermute aber, dass es genau dieses Ungeschliffene, Unmittelbare war. Wenn Du mit Deinem Mikrofon vor einer Schlammwüste stehst, die mal ein Dorf war und vor deinen Füßen liegen Kinderzeichnungen, die auch dein achtjähriger Sohn hätte malen können, dann sprichst Du anders, als wenn Du Atmo und Töne mitnimmst und dann in Ruhe einen makellosen Beitrag produzierst. Insofern muss ich mich korrigieren:

Es lebe die Reportage!

Die klassische Reportage ist nicht tot. Die klassische Reportage ist eine große Chance für uns Radioleute, mittendrin zu sein, und eine Authentizität und Emotionalität zu schaffen, die kein Internet und kein Fernsehen liefern kann. So abgedroschen der Satz inzwischen ist, aber Carmen Thomas hatte natürlich Recht: Radio ist Kino im Kopf – Fernsehen ist Kino im Kasten.

Holger Senzel ist Journalist aus Leidenschaft. Er schmiss ein Jahr vor dem Abi das Gymnasium, um ein Volontariat bei der Waldeckischen Landeszeitung zum machen. Mit 21 Jahren wechselte er zum Hessischen Rundfunk. 1984 erhielt er den Kurt-Magnus-Preis für junge Radiojournalisten. Er war Chefreporter bei der Rundfunk-Nachrichtenagentur (RUFA) in Bonn, berichtete u.a. über die Kriege am Golf, auf dem Balkan und in Ruanda. 1992 wurde er NDR2-Wortchef in Hamburg, später Hörfunkkorrespondent in London, jetzt ist er Hörfunkkorrespondent für Südostasien mit Standort in Singapur. Seine Reportage über die Folgen des Tsunami auf Sulawesi wurde 2019 mit dem Deutschen Radiopreis ausgezeichnet.

Über mich, Sandra Müller: Liebe das Radio-Hören und -Machen. Schreibe deshalb darüber in diesem Blog. Bin hin und weg, übers Netz immer wieder viele Leute zu finden, die sich auch gern an den Ohren packen lassen und darüber reden. Suche Gleichgesinnte auf allen Kanälen.

Spannende Radiomomente interessieren mich übrigens ganz besonders. Immer wieder lasse ich mir deshalb von MacherInnen erklären, wie genau sie entstanden sind, zum Beispiel die außergewöhnliche Reportage rund um die Papstwahl im März 2013 oder das preisgekrönte Interview mit dem transsexuellen Leistungssportler Balian Buschbaum von Chrissie Weiß.
Aber zu welchen spannenden Radiomomenten wüsstet Ihr gerne mehr? Lasst es mich wissen. Ich schau, was sich rausfinden lässt.

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