Zukunftswerkstatt Radionachrichten III: Pioniere gesucht.

Das Ziel: Radionachrichten, auf die keiner verzichten will.
Oder: News zum Skippen und Sprecher aus der Dose. Sowas!
Teil 1

Wie doch eine einzige Frage ein ganzes Seminar elektrisieren kann! „Wird Dich jemand vermissen?“ So schlicht und schmerzhaft hat es Ex-Radiomann und NewsApp-Erfinder Martin Hoffmann bei der 3. Zukunftswerkstatt Radionachrichten im Berliner Rundfunkhaus des rbb formuliert und damit ein kleines Erdbeben unter den TeilnehmerInnen ausgelöst. Denn: Hey! Wie wär das im Moment?

Würde unsere Radionachrichten so, wie sie jetzt sind, jemand vermissen? In einer Welt, in der es Nachrichten an jeder Ecke gibt? Vielen der 30 RadiomacherInnen aus ganz Deutschland stand plötzlich der Zweifel ins Gesicht geschrieben. Und dann haben sie die Ärmel hochgekrempelt und haben Neues ausprobiert. Zum Beispiel:

1 Nachrichten via Smartspeaker
2 Nachrichten als Podcast
3 Nachrichten mit synthetischen Stimmen
4 Nachrichten „mit Internetanschluss“

Das Ziel: Aus dem Umbruch einen Aufbruch machen. Denn schon bei den Fachvorträgen der Zukunftswerkstatt war noch mal mit aller Deutlichkeit klar geworden:

Die Nachrichtenwelt explodiert. Auf täglich neuen Kanälen. Mit täglich neuen (technischen) Möglichkeiten. Oft schneller als im Radio. Oft hintergründiger als im Radio. Oft lebendiger als im Radio. Und das allerschlimmste: Auch hörbar. Denn Audio-Nachrichten sind kein Privileg des Radios mehr. Audio-Nachrichten gibt es jetzt überall. Bei Verlagen zum Beispiel, die Nachrichten-Podcasts anbieten, oder via Smartspeaker, die auf Zuruf Nachrichten liefern.

Das Problem dabei: Die neuen Angebote sind oft flexibler und interaktiver als klassische Radionachrichten. Das heißt: Nutzer können hören was sie wollen, wann sie wollen. Oft klingt das dann auch noch deutlich erzählerischer, als wir im Radio uns das trauen, weil neue Audio-Anbieter den persönlichen Ton der Podcast-Welt imitieren. Und nicht selten produzieren sie mit weniger Aufwand, als wir im Radio uns das trauen, auch weil Maschinen mit künstlicher Intelligenz und synthetischen Stimmen schneller on air gehen, als wir Radiomacherinnen das können.

Die Frage ist also: (Was) Können Radiomacher davon lernen? Wie könnten neue Radionachrichten klingen? Auf welchem Weg könnten Radionachrichten künftig zu den Hörern kommen?

Hier Teil 1 der Versuche und ihre Bewertung:

1 Nachrichten via Smartspeaker

Die Rahmenbedingungen:

Im Workshop mit Dominik Born und Dominik Stocker sollten die TeilnehmerInnen, Anwendungen entwickeln für Smartspeaker mit Sprachsteuerung wie zum Beispiel Alexa. Dabei war klar: Es sollten nicht nur Sendungen abrufbar sein. Vielmehr sollten die Hörer auch via Sprachsteuerung in die Sendungen eingreifen können. Die Nachrichten sollten also interaktiv und modular sein.


Die TeilnehmerInnen haben ihre Anwendungen als Prototypen via sayspring.com gebaut. Später wurden die Anwendungen ganz praktisch getestet. Hört selber:

Test 1.1

Die Idee:

  • Wir wollen die erreichen, die wir mit Radio nicht erreichen.
  • Wir wissen dass Regionales gefragt ist, haben aber ein Problem: Die Regionalnachrichten sind linear eingebettet in ein Programm mit deutschsprachiger Musik. Menschen, die diese Musik nicht mögen, schreckt und hält das von den Regionalnachrichten ab.
  • Mit dieser Anwendung lassen sich die Regionalnachrichten aus dem vorgegebenen Programm herauslösen.
  • Wir wollen das, was wir sowieso schon in unseren Audio-Systemen haben, automatisiert via Alexa ausspielen.
  • Die Anwendung muss so schnörkellos laufen wie das klassische Radio. Also ohne viele Eingriffe und Befehle.

Die Reaktionen:

  • Schöne Idee. Sehr praktisch. Einfach zu verstehen und zu bedienen.
  • Gewöhnungsbedürftig: Die synthetische Stimme von Alexa als Nachrichtensprecherin. Aber klarer Vorteil: Audios, die mit Anmoderation vorliegen, sind via Smartspeaker abspielbar, sobald sie in das System dafür eingespeist sind. Per Drag and Drop.
  • Wie könnte der redaktionelle Workflow aussehen? Zum Beispiel: Man kuratiert mindestens täglich drei regionale Themen für die Anwendung. Mehr nur, wenn es auch mehr Themen gibt. Kein zwanghaftes Bespielen. Freiheiten nutzen.
  • Problem: Wie definiert man „Region“? Hörer denken ja nicht in Studiogrenzen.
  • Lösung: „Region“ könnte man algorithmisch hinterlegen. Heißt: Region wäre abhängig von den Wünschen des Nutzers, der zum Beispiel einen Heimatort definiert hat oder seine GPS-Daten freigegeben hat.
  • Zu überlegen: Besonders wichtige Nachrichten aus Nachbarregionen könnten angezeigt werden. Müssten dann von der Redaktion als solche markiert werden.

Test 1.2

Die Idee:

    • Die Anwendung soll helfen, morgens direkt nach dem Aufwachen zu erfahren, was sich getan hat und ob die Welt noch steht.
    • Nutzer: Mike. Sein Wecker klingelt 10 nach 7. Sein Problem: Die Radionachrichten zur vollen Stunde sind gerade durch. Die nächsten laufen um halb acht, wenn er gerade duscht.
    • Mit dieser Anwendung kann Mike jederzeit Radionachrichten hören. Er kann sich damit wecken lassen oder fragen: „Alexa, was ist passiert?“
    • Nutzer Mike interessiert sich außerdem zwar für Nachrichten. Aber nicht alles interessiert ihn. Dafür wüsste er zu manchem gerne mehr.
    • Mit dieser Anwendung kann der Nutzer selber entscheiden, wann er Nachrichten überspringen oder mehr hören will. Er kann – sofern vorhanden – auswählen zwischen Hintergrundbericht/Interview/Kommentar.
    • Nutzer Mike ist bei manchen Themen sehr neugierig. Er will wissen, wie es weitergeht.
Übrigens: Nix geht ohne Handarbeit. Auch so eine Smartspeaker-Anwendung entsteht mit Edding und Papier.
  • Mit dieser Anwendung kann er Push-Nachrichten zu einzelne Themen beim Smartspeaker bestellen. Der meldet sich dann wieder, wenn es Neues gibt.
  • Am Ende der Nachrichten führt die Anwendung zurück zum Live-Programm. Dann wieder mit Musik und Lieblingsmoderatorinnen.

Die Reaktionen:

  • Der Ton ist ein bisschen ruppig. Ohne „bitte“ und „danke“. „Wie zuhause.“ :) (Ist übrigens Alexa-typisch. In den USA gab’s deshalb schon Diskussionen. Der Vorwurf: Alexa erziehe zur Unhöflichkeit)
  • Würde ich jeden Morgen erklärt kriegen, was ich machen kann? Das fände ich anstrengend. Antwort: Nein nur beim ersten Mal. Aber sind die Befehle einfach genug, um sich am nächsten Tag noch daran erinnern zu können?
  • Warum muss ich vor dem „Weiter“ „Stopp“ sagen? Antwort: Die Smartspeaker-Befehle sind vorgegeben und (noch?) nicht beliebig variierbar.
  • Wie macht man die unterschiedlichen Audio-Angebote Alexa-fähig? Muss das von Hand bereit gestellt werden? Antwort: Das wäre automatisierbar. In dem Moment, in dem ein Audio ins Netz gestellt wird, wäre es auch via Smartspeaker abrufbar.
  • Wie realistisch ist es, zu allen Nachrichtenthemen schon Hintergründiges und Kommentare bereit liegen zu haben? Antwort: Alexa könnte auf alle Audios zugreifen, die einem Sender vorliegen. Das wäre eine Menge. Andernfalls sagt die Anwendung, dass es dazu noch keine Infos gibt.
  • Ist es realistisch, dass Hörer morgens lange Hintergrundinfos und Kommentare hören wollen? Vielleicht wäre eine erweiterte Funktion gut: Anwendung bookmarked weiterführende Audios und legt sie bereit für später. Zum Beispiel nach Feierabend.

Test 1.3

Was man in diesem Audio-Test nicht hört: Die Anwendung hat „Witz“. Wer auf die Frage „Was willst Du?“ sagt „Mach mir Kaffee,“ bekommt als Antwort vom Smartspeaker: „Haha. Ich bin doch keine Maschine. Im Ernst:…“ Und wenn die Anwendung einen nicht versteht? Kein Problem:

Die Idee:

Hatten Spaß: Janine Wohlfahrt (MDR) und Workshopleiter Dominik Born (SRF) beim Anwendung basteln.
  • Die Anwendung soll personalisiert laufen. Zugeschnitten auf den Nutzer Thomas Berger. Thomas hat Alexa als Wecker eingestellt.
  • Die Anwendung soll für den Sender als Person auftreten. Sie kommuniziert menschlich mit Thomas.
  • Weg von dem Gedanken „Wir liefern Dir News.“, hin zu: „Wir sind für dich da, wenn Du News brauchst.“
  • Die Anwendung bietet personalisierte Infos aus der Region, zum Beispiel nur die Verkehrshinweise, die Thomas in seiner Region und auf dem Weg zur Arbeit betreffen.
  • Die Anwendung bietet aber auch einfach „nur“ Musik, wenn es keine Infos aus Region gibt oder Thomas nicht in der Stimmung ist dafür.

Die Reaktionen:

  • Gelächter.
  • Wie witzig!
  • Das wirkt originell und sehr persönlich.
  • Das Angebot wirkt sehr menschlich.
  • Aber: Um eine Persönlichkeit zu generieren, braucht es tausend Punkte. Ist sehr aufwändig. Reaktionen müssten ja variieren und dürften sich nicht täglich wiederholen.
  • Kombiniert mit Stimmsynthese ließe sich das (in Zukunft) noch persönlicher machen und klarer auf den Sender zuschneiden. Der Smartspeaker könnte dann nämlich mit der Stimme der Lieblingsmoderatorin sprechen und dem Nutzer das Gefühl geben, von „seinem“ Sender individuell betreut zu werden.

Test 1.4

Die Idee:

  • Nutzerszenario: Hörer nutzt Smartspeaker als Tagesbegleiter. Bevorzugt morgens. In der Küche.
  • Diese Anwendung soll gleichzeitig persönlich ansprechen und Nachrichten liefern, wenn gewünscht.
  • Diese Anwendung macht Hörvorschläge, je nach Stimmung. HörerIn kann wählen.
  • Ziel: Den Nutzer im eigenen Sender-Universum halten. Deshalb auch Verbindung zur Musik des Senders.

Die Reaktionen:

  • „Alexa baut ganz schön Druck auf. Immer muss man was sagen. Find ich anstrengend.“
  • Die Reaktion von Alexa dauert oft lang. Ist mühsam.
  • Wenn ich Apps auf dem Smartphone aufmache, hab ich die Infos schneller.
  • Ich kann mir nicht vorstellen, diese langwierige Diskussion mit Alexa zu führen.
    Das ist mir zu (interaktions)intensiv. Abends beim Kochen vielleicht. Das wirkt eher wie eine Tageszusammenfassung.
  • Ist vermutlich eine Frage der Gewohnheit.
  • Finde diese kleine Menschlichkeit („Schick siehst Du aus.“) charmant.
  • Schnell bestückbar: Alexa liest die Meldungen vor, die eh in der Radioredaktion vorliegen.

Soweit die ersten Workshop-Berichte. Was haltet Ihr davon?

Kommentare hier oder bei Twitter unter #newsneu erwünscht.
Weitere Ergebnisse der dritten Zukunftswerkstatt Radionachrichten gibt’s hier im Blog. Dann aus den Workshops

2 Nachrichten als Podcast
3 Nachrichten mit synthetischen Stimmen
4 Nachrichten „mit Internetanschluss“

Disclosure: Sandra Müller, die Betreiberin dieses Blogs, wird von der ARD.ZDFmedienakademie dafür bezahlt, die „Zukunftswerkstatt Radionachrichten“ publizistisch zu begleiten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.