Geplant lässig: Die Erzählreportage

Die 1LIVE-PlanB-Reportage
Oder:
Wieviel Arbeit es macht, O-Töne mit Plauderei zu verbinden.
Und warum sich das lohnt.

„Radio muss klingen wie erzählt.“ Das ist einer meiner Hörfunk-Glaubenssätze. Und nichts stört mich mehr als gezirkelte Sprecher-Texte ohne Leben drin. Gerade bei Reportagen.

1Live PlanB Reportage LogoDie 1LIVE-PlanB-Reportage hat mich dagegen sofort begeistert. Denn die Reportage ist hier ein Gespräch: Der Moderator fragt. Der Reporter erzählt – von seinen Recherchen, Erfahrungen, Ergebnissen. Ungekünstelt. Völlig natürlich. Im Hintergrund und als Ergänzung: Atmo und als Zuspieler Stimmen von vor Ort.

Ergebnis: Eine Erzählreportage, die einen gefangen nimmt, die einem Lust macht, dabei zu bleiben. Denn anders als der Vortrag „am Stück“, wirkt ein gutes Gespräch beim Hören einfach herrlich luftig, lässig, unbelehrend. Selbst dann, wenn es um ein so ernstes Thema geht wie „Doping und Leistungsdruck im Profisport“. Genau darüber hat Simon Kremer für 1LIVE reportiert.

Doch Achtung: Was so wundervoll dahergeplaudert klingt, muss man in Wahrheit akribisch vorbereiten. Warum und wie, erklärt Simon Kremer selbst.

Simon KremerSimon Kremer arbeitet als Reporter in Hamburg, v.a. für den NDR Hörfunk. Geboren im Sauerland, Lehramtsstudium Gemeinschaftskunde und Germanistik in Marburg und Dresden, Arabisch in Damaskus. Volontariat beim NDR. Er arbeitet u.a. für den NDR Reporterpool, reist viel und berichtet über die Umbrüche im Nahen Osten, u.a. in Tunesien, Syrien, Ägypten und Iran. Für seine Arbeiten wurde er u.a. ausgezeichnet mit dem Grimme Online Award, Axel-Springer-Preis, CNN Journalist Award. Er bloggt über Medien und den Nahen Osten.

Ein aufregendes Format – ein aufwändiges Format.

Als ich mich mit meiner Themenidee „Druck im Profisport“ erstmals an die Redaktion gewandt hatte, bekam ich eine Mail mit einem Leitfaden zurück: „Ja, machen wir, aber so musst Du aufnehmen.“ Es folgten acht Seiten mit Anweisungen zum Aufnehmen von Reportagesezenen und Interviewsituationen.

Faustregel dabei: Atmos werden grundsätzlich mindestens vier Minuten lang aufgenommen, weil sie z.B. das Studio-Gespräch zwischen Moderator und Autor untermalen. Und da man nicht genau weiß, wie lange das Gespräch dauert, braucht man viel „Fleisch“. Die Interviews werden mit zwei Mikrofonen gleichzeitig aufgenommen. Eines ist auf den Sprecher gerichtet für die O-Töne, das andere steht weiter weg und nimmt die Atmo des Gesprächsortes auf, um so einen fließenden Übergang zwischen den O-Tönen von vor Ort und den Studio-Situationen zu schaffen. Das Format ist so aufwendig, weil bei der „Liveproduktion“ alles ineinander gemischt werden muss, deswegen war es tatsächlich unerlässlich, sich an die Hinweise zu halten.

Interessant war einer der letzten Punkte in dem Leitfaden:

„Ihr braucht viel Material: Sehr viel! Für eine Stunde Sendung sind 10 Stunden Material  nicht unüblich.“

Entsprechend aufwändig war die Ton-Beschaffung. Zumal es sich bei „Druck im Profisport“ nicht um ein klassisches Reportagethema, sondern eher um eine Dokumentation handelt. Ich musste also bereits im Vorfeld Übergänge zwischen den Gesprächspartnern und einzelnen Handlungsorten überlegen und habe das beispielsweise durch Zug- oder Autofahrten gemacht.

1LIVE PlanB Reportage PodcastBild

Die 1LIVE PlanB Reportage: Als Podcast abonnierbar. Lohnt sich.

Die Sendung gliedert sich dann in fünf einzelne Takes, jeder um die sieben Minuten lang, dazwischen läuft Musik. Die Takes geben somit die Dramaturgie vor und entsprechen im Grunde der klassischen Dramentheorie mit fünf Akten: Exposition, Steigerung, Höhepunkt, retardierendes Moment, Schluss/Fazit/Katastrophe.

Daran orientiert sich dann auch das Skript. Darin finden sich die einzelnen Kapitel, die O-Töne in der richtigen Reihenfolge, die geplanten Atmos und das Studio-Gespräch in Stichwörtern. Weil es meine erste Plan-B-Produktion war habe ich das Skript sehr ausführlich geschrieben, dem Moderator Frage-Vorschläge gemacht mit den entsprechenden Antwort-Möglichkeiten, die ich geben könnte.

Erstmal gilt es aber, sein Material zu sortieren, schließlich habe ich fast vier Stunden Interview-Töne gehabt. Dabei – und auch sonst bei längeren Features – arbeite ich so:

  • Grobschnitt des Materials mit Tönen, die es in die Sendung schaffen könnten
  • Transkription des vorgeschnittenen Materials
  • Ausdrucken und Ausschneiden der einzelnen O-Töne, farblich markiert nach Sprechern
  • Hinzu kommen kleine Priorisierungen auf den Schnipseln: 3 Striche bedeutet: Muss auf jeden Fall vorkommen, 2 Striche: Wäre gut, 1 Strich: Muss nicht unbedingt.
  • Die O-Töne geben der Reportage Struktur: Ich lege die Schnipsel deswegen auf dem Boden aus und kann dann einzelne Blöcke verschieben, die Dramaturgie verändern, etc.
  • Passend zu den ausgebreiteten O-Tönen lege ich dann die Atmos, die ich mir als Übersicht kurz schriftlich notiert habe
  • Dazwischen kommen Beobachtungen, Ideen, Sätze und beschriebene Szenen, die ich häufig schon während der Recherche sprachlich ausformuliere
  • Dann erst gehe ich an den Computer und schreibe das Skript runter, füge Informationen ein, die zu den Szenen passen. Der Vorteil: Bei der Recherche sammeln wir so viel Material, dass wir bei der Produktion versucht sind, all unser Wissen auch in den Text zu bringen. Ich habe bei dieser Arbeitsweise gemerkt, dass dadurch zwar auch viele liebgewonnene Informationen herausfallen, aber ich „genötigt“ bin, nur eine Geschichte zu erzählen.

Die eigentliche Produktion (nach der Skriptabnahme) dauert dann zwei Tage beim WDR in Köln.

Tag 1: Feinschnitt der O-Töne und Anlegen der Atmos, so dass diese während der „Livesendung“ vom Produzenten auf Signal des Moderators abgefahren werden können

Tag 2: Vorbesprechung mit dem Moderator. Dabei ändern sich dann noch Kleinigkeiten, Fragen werden ausgetauscht, neue vielleicht mit aufgenommen und in den Ablauf der Töne (der zu diesem Zeitpunkt fix ist) eingefügt. Dazu kommen mehrere Teaser-Gespräche im Vormittags- und Nachmittagsprogramm, um auf die Plan B-Reportage (zur besten Sendezeit um 23:00 Uhr) hinzuweisen. Und dann gilt es: Spaß haben und sich auch ganz dem Moderator anzuvertrauen.

Wichtig bei einer so aufwändigen Produktion:

  • Vorrecherche: Wer sind mögliche Interviewpartner? Wo kann ich sie treffen? Was kann ich mit Ihnen erleben?
  • Schon im Vorfeld Atmos überlegen, die passen könnten, die Übergänge herstellen, etc.
  • Aufnehmen wie einen Film I: Ich bin mir bei der Produktion häufig vorgekommen, wie ein VJ, der mit offenem Mikro an die Tonquellen herangeht und alles mitnimmt
  • Aufnehmen, wie einen Film II: Wenn man sich als Übergangsszene überlegt, ich fahre mit der Straßenbahn zum Interview, höre die Fahrbahnansagen, um die Geschichte noch zu verorten, und treffe dann (im Radio) meinen Interviewpartner: Dann sollte man auch genau so „drehen“: Einsteigen, Fahren, Ansage abwarten, aussteigen, draußen weiter gehen. Klingt banal – aber wie schräg hört es sich an, wenn ich über die Atmo erzähle, dass ich mich mit jemandem treffen möchte und plötzlich, wenn der O-Ton kommt, sitzt der Interviewgast am See und ist nicht – wie ich – in der Straßenbahn? Lesson learned.

Fragen, die man sich vor so einer Produktion stellen sollte

  • Ist das Thema wirklich für eine Reportage geeignet? Welche „Dreh“-Orte gibt es? Was gibt es dort zu hören?
  • Sind die Protagonisten so interessant, dass man ihnen eine Stunde lang folgen will?
  • Welche Veränderung könnten die Protagonisten während der Geschichte durchmachen? Gibt es einen Höhepunkt? Läuft die Geschichte auf ein Ziel zu?
  • Was ist die Herausforderung für die Protagonisten?
  • An welchen Stellen kann ich etwas miterleben?

2 Kommentare

Eingeordnet unter Best Practice, Reportage, Sprache

2Antworten zu \"Geplant lässig: Die Erzählreportage\"

  1. Hallo Simon,
    vielen Dank für den aufschlussreichen Bericht! Was mich noch interessiert: wie viel Zeit war vergangen vom Auftrag „ja machen wir“ bis zur eigentlichen Produktion (2 Tage) und was stand sonst noch in dem „Leitfaden“?
    Viele Grüße,
    Peter

    • Hallo Peter,

      der Vorlauf war relativ lang, was aber vor allem daran lag, dass die Sendetermine lange im Voraus vergeben werden. Ich würde schätzen, dass zwischen „machen wir“ und dem Sendetermin rund ein 3/4 Jahr lagen. Die eigentliche Recherche und die Interviews haben dann gut 1-2 Monate vor Sendetermin stattgefunden. Was aber auch bei dieser Produktion etwas außergewöhnlicher war, weil ich ja nicht nur an einem Ort war, sondern für die Gespräche und Tonaufnahmen durch ganz Deutschland gefahren bin.

      Ansonsten standen in dem Leitfaden vor allem redaktionsinterne, technische Details. Eine Vorlage eines alten Manuskripts bspw., technische Vorgaben, wie z.B., dass man die Interviews immer parallel mit zwei Mikrofonen aufnehmen muss, alles in Stereo, Atmos mindestens vier Minuten stehen bleiben müssen, um sie für den Schnitt gebrauchen zu können, etc. Viele Sachen, die also wirklich für diese Produktion im Speziellen wichtig sind.

      Beste Grüße,

      Simon

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.