Erst der Sekt? Dann der Eklat?

Warum man im Radio oft den Schluss zuerst erzählen muss und es trotzdem nicht tut. Ein Beispiel, eine Vermutung, zwei Tipps.

Damit konnte kein Mensch rechnen: Eine – an und für sich unspektakuläre – Preisverleihung endet mit einem offenbar betrunkenen Preisträger auf der Bühne. Und der heißt auch noch Til Schweiger. Denn ja: Der mutmaßlich neue Tatort-Kommissar hatte gestern  einen peinlichen Auftritt in Grünwald bei München:

Die Wirtschaftsvereinigung „Querdenker“ hat Til Schweiger einen Preis verliehen. Und der hat eine gelallte Dankesrede gehalten.
Öffentlich. Und vor Mikrofonen. Wirre politische Äußerungen inklusive.

Dennoch wurde bei Bayern 2  erst mal „Sekt mit Holundersirup“ und „Lachs mit Zweierlei aus Roter Beete und Meerrettich“ serviert:

Bis zum Eklat musste man lange warten. Warum nur?

Weil der Reporter die Geschichte von vorne bis hinten erzählt. So wie der Abend eben verlaufen ist: „Willkommen.“ „Hallo.“ „Hereinspaziert.“ „Wie geht’s?“ „Ach es gibt Häppchen?“ Puh. So ein Abend ist lang.

Und dann war da möglicherweise die Absprache mit dem Redakteur. VOR dem Termin. Und die Wünsche waren vermutlich klar: „Wir sind Bayern2, ein Kulturkanal. Und uns geht’s um die Kuriosität, dass da ausgerechnet ein Schauspieler, der mit Filmen für die breite Masse Kasse macht, als ‚Querdenker‘ ausgezeichnet wird. Das soll der Reporter doch mal ein wenig süffisant hinterfragen: Was sagt der Preisträger dazu? Und was die Preisverleiher?“

Schöne Idee soweit. Nur leider von der Wirklichkeit eingeholt. Denn klar: Wenn Til Schweiger erst mal lallend auf der Bühne gestanden hat, ist DAS die Überraschung des Abends. Völlig egal, was sonst noch war.

 

Und ziemlich sicher, wird kaum jemand, der dabei war, nach Hause kommen und sagen: „Du wirst es nicht glauben. Es hat ‚Lachs mit Zweierlei aus Roter Beete und Meerrettich‘ gegeben und Zweifel daran, ob Til Schweiger wirklich ein Querdenker ist.“

Will heißen: Die Geschichte ist jetzt eine andere. Und die sollte der Reporter dann auch erzählen. Absprache hin, Absprache her. In so einem Fall, muss man seine Pläne mit Mut über den Haufen werfen. Auch dann, wenn der Beitrag möglicherweise noch spät nachts, direkt nach einer Preisverleihung, gemacht werden muss. Der Auftrag heißt: Alles zurück auf Anfang und sich trennen von dem, was man sich („mönnoooo…“) schon zurecht gelegt hat.

Also:

  • Es ist wichtig, sich vorher klar zu machen, worüber man berichten will.
  • Es ist wichtig, dem geplanten Beitrag VOR dem Termin eine Überschrift zu geben („Til Schweiger – der bislang unbekannte Querdenker“).
  • Und es ist noch wichtiger, diese Überschrift wieder zu streichen, wenn das, was vor Ort passiert, nicht mehr dazu passt.

Und bitte:

Den beeindruckendsten, ungewöhnlichsten, bewegendsten, also stärksten O-Ton nach vorne.

Damit wäre auch in diesem Fall alles klar gewesen: Besser mal den Schluss zuerst erzählen.

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