Hör mal! Das ist Radio! (Teil 4)

Wenn Radio begeistert.
Weitere Lieblingsstücke zum Lauschen, Lernen, Lust machen

Radio machen ist toll. Radio hören auch. Nicht immer, aber immer wieder. Dann, wenn einem Stücke ins Ohr fallen, die begeistern durch ihre Machart, ihre Intensität, ihre Wirkung.

Wattestäbchen

„Wer Ohren hat zu hören, der höre.“ – Markus 4.9

Deshalb hier Teil 4 der Hörtipps für Anfänger, alte Hasen, Radiofreaks.

Dieses Mal ausgewählt und kommentiert von Simon Hurtz, Thomas Reintjes, Dennis KlammerSandra Müller und Jonathan Hadem.

1 Tarred and Fathered. Teil 2: Help Wanted. Ein junger Mann erzählt über seine Pädophilie. Von Like Malone (This American Life, 2014)

2 „Mach’s gut, Habib!“ – Eine ganz persönliche Geschichte von der Liebe im Krieg. Von Stefanie Doetzer (DRadioWissen, 2014)

3 „Requiem auf das Antiquariat.“ Von Florian Felix Weyh. (SWR, 2011)

4 Zeitzeichen zum Todestag von Madame Pompadour. Von Hans Conrad Zander (WDR, 2014)

5 Melancholie – Anatomie einer produktiven Stimmung. Von Michael Reitz (DLF, 2013)

1 Tarred and Fathered. Teil 2: Help Wanted.
Von Luke Malone (This American Life, 2014)
Länge: 27:12

Simon:
Podcasts hören, ist eigentlich nicht meins. Aber dann kam Hakan mit seinen Podcast-Empfehlungen und kurz darauf diese Bitte von Adam Mordecai, einem Autor bei Upworthy:

This is a hard episode to listen to, but it’s really important that you do. Listen to it at work when you are bored at lunch, in your car, wherever. Just please hit Play.

Seine freundliche aber unmissverständliche Aufforderung bezieht sich auf eine Episode von This American Life, einer wöchentlichen Sendung, die von etlichen amerikanischen und internationalen Radiosendern ausgestrahlt wird. Ich hatte bis dahin trotzdem noch nichts davon gehört – ein schweres Versäumnis.
Die empfohlene Sendung heißt „Tarred And Feathered“. Sie beschäftigt sich mit öffentlich gebrandmarkten Menschen. Ich habe Act Two gehört, darin geht es um Pädophile.

Hartes Thema. Und Luke Malone (der Reporter) gibt sich auch keine Mühe, daraus leicht verdauliche Radio-Unterhaltung zu machen. Der Protagonist ist 19, heißt in der Sendung Adam und weiß seit mehreren Jahren, dass er pädophil ist. Er sucht Hilfe bei einer Psychotherapeutin. Die ist mit der Situation ebenso überfordert wie Adam selbst. Also gründet er eine Selbsthilfegruppe für Pädophile, die sich noch nie einem Kind genähert haben und nicht wollen, dass sie ihre Neigungen ausleben. Für This American Life hat er zum ersten Mal mit einem Journalisten über seine Krankheit gesprochen.

Was mich fasziniert:

  • Handwerklich ist der Podcast keine Revolution. Viele O-Töne von Adam, seiner Mutter und einer Wissenschaftlerin, die Kindesmissbrauch erforscht. Dazu die Stimme des Reporters und sehr dezent eingesetzte Musik. Keine atemberaubende Produktion, wenig „Action“, eher ein konventionell erzähltes Feature. Vielleicht braucht es bei einem so aufwühlenden Thema genau diese unaufgeregte, unspektakuläre Herangehensweise.
  • Alle Elemente greifen perfekt ineinander, und mich haben die 27 Minuten deutlich länger beschäftigt, als ich zum Hören gebraucht habe.

Die komplette Episode gibt es hier. Praktischerweise stellt This American Life ein Transkript aller Sendungen online: voilà, „Tarred And Fathered“ zum Nachlesen. Wer mehr über das Thema wissen will: Diese Rezension liefert jede Menge Hintergründe über Pädophile und deren Situation in Amerika. Und wer noch mehr lesen möchte, dem sei diese großartige Reportage von Heike Faller mitsamt diesem Nachtrag ans Herz gelegt.

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2 „Mach’s gut, Habib!“
Eine ganz persönliche Geschichte von der Liebe im Krieg.
Von Stefanie Doetzer. (DRadioWissen, 2014)
Länge: 20:41

Thomas:

Eine Liebe zwischen einer Deutschen und einem Syrer, die lange vor dem Krieg in Syrien beginnt. Als der Krieg ausbricht, ist die Beziehung längst wieder beendet, aber in dieser Situation nicht miteinander zu reden, ist für die beiden nicht vorstellbar. Syrien verbindet sie miteinander, doch der Krieg verbreitert den kulturellen Graben zwischen ihm und ihr.

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Die Faszination:

  • Stephanie Doetzer erzählt nicht eine Geschichte, sondern ihre Geschichte. Während andere Radiojournalisten noch überlegen, ob sie auch mal „ich“ sagen sollen, erzählt sie fast 20 Minuten nur von sich und von „ihm“ – ihrem syrischen Freund, der in dem Beitrag noch nicht einmal einen Namen hat – und meistert die Gratwanderung zwischen zu persönlich und zu distanziert.
  • Der Beitrag kommt ohne O-Ton aus. Ein paar Atmos und Musiken geben Kontext, aber die Elemente sind spärlich eingesetzt, so dass der Beitrag nicht überproduziert wirkt, sondern sehr natürlich. Gerade das macht ihn so berührend.
  • Die Autorin beherzigt, was viele Radiojournalisten ganz am Anfang ihrer Karriere lernen: Sprich in das Mikrofon, als wäre es ein Freund, dem du etwas erzählst.
  • Durch all das verliert der Krieg in Syrien plötzlich ganz viel von seiner Abstraktheit, obwohl der Beitrag keine Kriegsszenen schildert und keine unmittelbar Betroffenen vorkommen.
  • Am meisten fasziniert mich der Mut, die Reporter-Rolle zu verlassen und die eigene Person in den Vordergrund zu stellen – und sich so auch angreifbarer zu machen als wenn man Geschichten anderer Menschen erzählt.


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3 „Gelehrter als der Kaufmann, kaufmännischer als der Gelehrte. Requiem auf das Antiquariat“
von Florian Felix Weyh. (SWR,2011)
Länge: 54:10

Dennis:

Inmitten unserer Debatte über Vor- und Nachteile vom analogen Bücherkauf wies mich eine Freundin auf das Feature „Ein Requiem auf das Antiquariat“ hin. An einem Sonntag hab ich’s mir angehört – und mir sofort einen Ohrensessel gewünscht, nebst riesiger Bücherwand und vielen freien Sonntagen. Der Autor Florian Felix Weyh beleuchtet in seinem Feature die Welt der Antiquariate im Zeitalter der Tablets und eReader – und geht der Frage nach, ob es noch Platz für die Nische Antiquariat gibt. Und vor allem: Bedarf?

Das Ergebnis ist ein Stück für Radioliebhaber und Bibliophile. Es entstehen Bilder von verheißungsvollen Schatzkisten, die mitunter als muffige Orte mit muffiger Ware entzaubert werden. Orte, an denen die Realität die Jäger- und Sammler-Romantik zerstört – die einen aber trotzdem aus den Ohrensessel kitzeln und zum Stöbern einladen. Eine tolle auditive Reise für HörerInnen durch Anekdoten und Absurditäten.

Mich faszinieren:

  • die Geschichten in der Geschichte. Das Feature lebt von Menschen, die Hörern beeindruckende Einblicke in ihr Leben als AntiquarInnen gewähren. Ihre Geschichten sind geprägt von Faszination, Frustration und dem nüchternen Blick auf die wirtschaftliche Realität und Marktsituation. Besonders das „Fallbeispiel 1“ ist klasse gewählt und umgesetzt: Ein Verkäufer will über ebay einen Bestand von über 70.000 Bücher loswerden – Startangebot: 1 Euro. Als Skript dieser wahren Begebenheit dient ein ebay-Anzeigentext voller Enttäuschung und Schmerz; die Geschichte wird zwischenzeitlich von den Protagonisten anhand eigener Erfahrungen eingeordnet.
  • die Herstellung der Atmosphäre. Die entsteht nicht nur wegen der wohligen zurückhaltenden Hintergrundmusik/-atmo und der starken O-Töne der Gesprächspartner. Vor allem die gewählten Wörter, vorgetragen durch eine klasse Sprecherin, bringen auf raffinierte Weise Entwicklungen, Emotionen und Probleme auf den Punkt. Wie etwa die Bemerkung, dass es für das Geschäft problematisch ist, wenn Bücher schwer, aber nicht gewichtig sind. Bemerkenswert ist dabei die Ausgewogenheit des Beitrags. Der Autor schafft es, ein solides Gleichgewicht zwischen Enthusiasmus und Desillusionierung über Entwicklungen und Erfahrungen bei den Protagonisten darzustellen. Das vermittelt den HörerInnen ein umfassendes Bild und spiegelt den Facettenreichtum des Themas gut wider.
  •  Das Publikum: Viele Hörer dürften sich auf eine persönliche Weise von dem Feature angesprochen fühlen. Es gibt naturgemäß Vokabeln aus dem Elfenbeinturm, aber neben Fachpublikum kommen auch Otto-Normal-LeserInnen auf ihre Kosten. Einzelne Geschichten bleiben unerwartet detailreich hängen und machen Lust auf mehr.

Auch dieses Feature gibts als „Radio zum Mitlesen„. Danke, Deutschlandradio!

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4 Zeitzeichen zum Todestag von Madame Pompadour.
Von Hans Conrad Zander (WDR, 2014)
Länge: 14:45

Sandra:

Und wieder mal ein Zeitzeichen als Hörempfehlung. Sorry, ich weiß: Langweilig.  Und doch eben gerade nicht! Denn Zeitzeichen sind mal wohlig soundeffekthascherisch, mal schnellschnittig pointiert ironisch und mal nix als Sprache und pure Erzählung. Und zwar in diesem Fall: Dem Zeitzeichen von Hans Conrad Zander zum Todestag von Madame Pompadour, der berühmten Mätresse des französischen Königs Ludwig XV. Kenner müssen jetzt gar nicht erst weiterlesen und -hören. Denn Hans Conrad Zander ist ein legendärer Zeitzeichen-Autor. Einer, den man wiedererkennt, der sich einem einprägt – auch nach einmal Hören schon. Und warum? Weil er unverwechselbar ist.

Besonders faszinierend finde ich….

  • wdr5_zeitzeichen600x600dass da einer spricht, dem so mancher Praktikantenbetreuer sagen würde: „Na, ich weiß nicht, ob das was wird beim Radio. Mit Ihrer Stimme? Mit ihrem Akzent?“ Denn ja: Zander hat einen unüberhörbaren Schweizer Akzent. Und seine Stimme kiekst, fiept, quiekt bisweilen. Aber die klassische Mikrofonstimme und -Spreche ist eben nicht alles. Und glücklicherweise hat das beim WDR jemand erkannt. Danke dafür!
  • dass Zander mit ganzem Herzen und vollem Engagement erzählt. Fast hat man den Eindruck, ihn zu sehen dabei. Vor dem inneren Auge jedenfalls sehe ich ihn gestikulieren, die Augen aufreißen, die Lippen schürzen. Seine Art zu erzählen ist Stimmtheater. Herrlich.
  • dass Zander es schafft, wie ein spontaner Erzähler zu wirken, obwohl der Text an vielen Stellen ganz schön schriftlich literarisch-poetisch formuliert ist. Aber auch hier gilt: Das ist SEIN Stil. Er wirkt, weil er mit voller Überzeugung vorgetragen ist und man der PERSON Zander zu hören will. Mehr kann man im Radio nicht erreichen.
  • dass Zander einem die Situation in den königlichen Gemächern plastisch vor Ohren führt ohne  Atmo, Geräusche, Musik. Und ja, dass er mich dazu bringt, das gut zu heißen. Wo ich doch sonst immer für Sound, Klang, O-Ton plädiere, als unverzichtbarem Teil von Radio. Aber na ja: Wer’s kann, kann’s eben auch ohne. So scheint’s.

Übrigens: Vor Jahren wurde Zander noch gefeiert, als der Zeitzeichen-Autor, der das Stück mit den meisten Downloads fabriziert hat: Das Zeitzeichen „Der König stinkt.“ Ob das immer noch stimmt? Keine Ahnung. Aber ja: Wenn’s den Download noch gäb, ich würd das Stück auch runterladen.

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5 Melancholie – Anatomie einer produktiven Stimmung
Von Michael Reitz (DLF, 2013)
Länge: 53:49

Ausschnitt:

Jonathan:

Die meisten Menschen würden mich als sehr glücklichen und fröhlichen Menschen beschreiben. Und trotzdem habe ich ganz oft das Gefühl, ich wäre alleine auf der Welt und sitze in einem tiefen Loch, aus dem ich nicht mehr herauskomme. Bin ich also depressiv? Das Feature „Melancholie – Anatomie einer produktiven Stimmung“ hat mir klar gemacht, dass ich nicht depressiv, sondern einfach nur melancholisch bin. Und meine äußerliche Fröhlichkeit ist sogar etwas sehr typisches für einen Melancholiker. Der zieht sich gerne zurück und bleibt manchmal am Wochenende abends zu Hause, anstatt mit Freunden wegzugehen, obwohl er nichts anderes zu tun hat. Er nimmt seine Wut meistens hin und versucht die Dinge mit sich selbst zu regeln – im Gegensatz zum Choleriker. Nach außen also den Schein wahren, innerlich transformiert sich der Melancholiker aber immer wieder neu.

Was mich fasziniert:

  • Der Autor hat eine nahezu perfekte Balance zwischen informativen Sprechertexten und persönlichen Geschichten gefunden. Während man also zusammen mit den Interviewten über das Leben grübelt, lernt man woher die Melancholie kommt, welche positiven und negativen Konsequenzen sie zur Folge haben kann und (ganz wichtig) was Melancholie nicht ist – nämlich Depression, Cholerik, Faulheit.
  • „Die Melancholie kann allzu großem Schmerz die Schärfe nehmen, denn sie schaut differenziert auf die Dinge.“ Das Feature ist selbst Melancholie, denn es differenziert wo sonst oft Unklarheit herrscht. Die verschiedenen Ausprägungen der Melancholie werden aufgedröselt und erklärt.
  • Man sieht sich beim Zuhören oft bestätigt in seiner Melancholie und erkennt bestimmte Gedanken und Gefühle wieder. Ich persönlich habe noch viele Tage danach überlegt, welche Aspekte der Melancholie auf mich zutreffen, welche Muster bestätigt wurden oder ob ich das vielleicht doch nur überinterpretiere.
  • Die O-Töne sind mit meist ruhiger Musik unterlegt, die der Sendung eine besonders spannende Stimmung gibt. Der Autor verwebt Musik und Text so, dass man an kaum einer Stelle abschalten kann.

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Lust auf noch mehr Beispiele für gutes Radio?

Dann hier im Blog immer wieder mal unter „Best Practice“ nachsehen oder Sandra Müllers Tweets dazu durchstöbern. Und na klar: Selber was vorschlagen! Was hat Euch den zuletzt an denn Ohren gepackt? Lasst es uns wissen.

Die bisherigen radio-machen.de-Hörempfehlungen:
Teil 1
Teil 2
Teil 3

simonÜber Simon: Hat nach dem Abi an der Deutschen Journalistenschule seinen Traumjob gefunden. Fühlt sich aber noch zu jung zum Arbeiten. Studiert lieber noch Soziologie, Politik, Wirtschaft und twittert. Wenn er groß ist, möchte er schreiben wie Wolfgang Uchatius und Carolin Emcke.

ReintjesÜber Thomas: Wurde vor über 15 Jahren mit dem Radiovirus infiziert. Seitdem unabhängiger Radiojournalist. Mag die Herausforderung, abstrakte Themen aus Wissenschaft, Technik und Gesellschaft im Radio plastisch werden zu lassen. Will durch sein Blog herausbekommen, wie andere Radioautoren an ihre Themen herangehen.

Foto_DKlammerÜber Dennis: Hat in Dortmund Journalistik studiert und Radio lieben gelernt. Neben seinem Masterstudium arbeitet er als freier Hörfunkjournalist für öffentlich-rechtliche Wellen und twittert als @Dklammer.

 

Über Sandra: Liebt Radio-Hören und -Machen. Schreibt deshalb darüber in diesem Blog.
Ist hin und weg, übers Netz viele Leute gefunden zu haben, die sich auch gern an den Ohren packen lassen und darüber reden.

 

Jonathan Hadem - Foto - kleinÜber Jonathan: Hörfunk-Journalist mit Haut, Haaren und Ohren. Seit seinem Studium von Feature und Reportage besessen. Ist immer wieder begeistert, wie oft man sich selbst im Radio wiedererkennt. Es ist eben wirklich das schönste Medium im ganzen Land.

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Eine Antwort zu “Hör mal! Das ist Radio! (Teil 4)

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